Das Handwerk

Darf die Rednerin weinen?

Über Fassung, die nicht Kälte ist — und den Tag, an dem es mich erwischt hat.

Daria Pfeiffer, freie Rednerin
Fassung ist kein Abstand. Sie ist ein Angebot
Das Handwerk 18. August 2026 · 3 Minuten

Auf einer Trauerfeier zu weinen passiert vielen. Mir bisher nicht. Und das hat nichts mit fehlendem Mitgefühl zu tun — es ist eher das Gegenteil.

Warum ich nicht weine

Weil ich der Anker bin. Achtzig Menschen in einem Raum nehmen sich die Erlaubnis für ihre Gefühle von der Person, die vorne steht. Wenn diese Person hält, dürfen alle anderen loslassen.

Das ist keine Theorie, das lässt sich beobachten. Bricht die Stimme vorne weg, richten sich achtzig Blicke nach vorn statt nach innen. Der Raum kümmert sich dann um die Rednerin, und in dieser Sekunde hat die Feier ihre Richtung verloren.

Die Rollen tauschen, das ist das eigentliche Problem. Wer sprechen soll, wird getröstet. Wer getragen werden müsste, tröstet.

Und dann der Tag, an dem es doch passiert ist

Es gab in diesem Jahr einen Moment, in dem mich die eigenen Gefühle überrannt haben. Kurz, aber deutlich, mitten in einer Rede, an einer Stelle, die ich vorher zwanzigmal gelesen hatte, ohne dass etwas passierte.

Macht mich das zu einer schlechteren Rednerin. Diese Frage habe ich mir anschließend ernsthaft gestellt, und ich habe sie auch anderen gestellt.

Zwei Dinge, die verwechselt werden

In der Antwort liegt der ganze Unterschied dieses Handwerks: Berührt sein und die Fassung verlieren sind nicht dasselbe.

Eine Stimme, die für zwei Sekunden trägt und dann weitergeht, ist kein Fehler. Sie ist der Beweis, dass die Person vorne nicht vorliest, sondern versteht, was sie sagt. Ich habe Angehörige erlebt, für die genau dieser Moment das Wichtigste an der Feier war — weil er zeigte, dass ihr Mensch jemanden erreicht hat, der ihn nicht einmal kannte.

Fassung verlieren ist etwas anderes. Es beginnt, wenn der Text nicht weitergehen kann, wenn jemand aufstehen und helfen muss, wenn der Ablauf vom eigenen Zustand abhängig wird. Ab dort ist es die Feier der Rednerin.

Berührt sein und die Fassung verlieren sind nicht dasselbe.

Wie man in diesem Moment weiterkommt

Es gibt Handgriffe, und sie sind alle unspektakulär.

Langsamer werden statt lauter. Einen Punkt im Raum ansehen, der weit weg ist und nichts von einem will — ein Fenster, eine Wand, der Kirchturm draußen. Und die Pause zulassen. Eine Pause von vier Sekunden fühlt sich vorne wie eine Minute an und wird im Raum überhaupt nicht als Störung gelesen, sondern als Gewicht.

Was nicht funktioniert, ist Beschleunigen. Der Versuch, schnell über die Stelle hinwegzukommen, macht sie hörbar.

Fassung ist kein Abstand

Der Vorwurf, der in dieser Frage mitschwingt, lautet: Wer nicht weint, ist nicht beteiligt. Das ist die Verwechslung, die ich am häufigsten höre.

Ich bin bei jeder dieser Feiern beteiligt, und meistens weiß ich über den Verstorbenen Dinge, die die Hälfte des Raums nicht weiß. Was ich nicht tue, ist diese Beteiligung zu zeigen — weil sie in diesem Moment nicht gebraucht wird.

Fassung ist die Form, in der man Raum für andere hält. Sie kostet etwas, und sie kostet manchmal auf dem Rückweg im Auto. Aber sie ist der Dienst, für den ich gerufen wurde: nicht mitzufühlen, sondern das Mitfühlen möglich zu machen.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden — ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Das Handwerk
Darf eine Rednerin bei einer Trauerfeier weinen?

Berührt zu sein ist kein Fehler und wird von Angehörigen oft als wertvoll erinnert. Problematisch wird es, wenn der Ablauf vom Zustand der Rednerin abhängt und die Rollen tauschen.

Warum bleibt die Rednerin gefasst?

Weil der Raum sich seine Erlaubnis von der Person vorne nimmt. Wenn diese Person hält, dürfen alle anderen loslassen.

Was tut man, wenn die Stimme versagt?

Langsamer werden statt lauter, einen weit entfernten Punkt ansehen und die Pause zulassen. Beschleunigen macht die Stelle hörbar.

Bedeutet Fassung, dass jemand nicht mitfühlt?

Nein. Fassung ist die Form, in der man Raum für andere hält. Sie ist keine Distanz, sondern eine Aufgabe.

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