Das Handwerk

Noch nicht einmal ein Vaterunser.

Über einen Satz am Grab — und was echte Nächstenliebe ist.

Kerzenlicht in einem stillen Raum
Die Feier gehört dem Menschen. Nicht den Erwartungen im Raum
Das Handwerk 1. September 2026 · 2 Minuten

Es war eine besondere Trauerfeier. Ich kannte die Familie, wir waren freundschaftlich verbunden, und wir hatten uns so lange unterhalten, dass ich Stunden hätte sprechen können.

Am Grab

Ein älterer Herr trat auf mich zu. Sein Blick herausfordernd. Seine Stimme laut: Noch nicht einmal ein Vaterunser.

Ich hielt seinem Blick stand. Der Impuls war da — erwidern, verteidigen, erklären. Aber ich wusste im selben Moment: Mein Schweigen und ein fester Blick sagen genug.

Das war weder der Ort noch der Moment für Erklärungen. Dem Abschied dieses Menschen wäre es nicht würdig gewesen.

Was er nicht wissen konnte

Ja, ich glaube an Gott. Ich hätte ihm das Vaterunser auf Latein aufsagen können.

Aber der Mensch, wegen dem wir alle dort standen, hätte damit nichts anfangen können. Er glaubte an Werte. An Moral. An Verlässlichkeit zwischen Menschen. Nicht an Gott.

Dafür war ich da. Ich habe ihn geehrt. Gefeiert. Mit allem, was ich geben konnte.

Aber nicht gebetet.

Die Feier gehört dem Menschen. Nicht den Erwartungen im Raum.

Worum es wirklich geht

Was viele nicht sehen können: Eine Haltung wie die dieses Mannes hat nichts mit Religiosität zu tun. Sie hat mit Anmaßung zu tun — sich anzumaßen, es besser zu wissen als der Mensch, um den getrauert wird.

Wer glaubt, weiß: Gott liebt. Jeden und immer. Ein Gebet, das über den Kopf eines Verstorbenen hinweg gesprochen wird, der es nie gewollt hätte, ehrt niemanden. Es beruhigt nur den, der es einfordert.

Was frei wirklich heißt

Freie Rede bedeutet nicht, gegen Gott zu sein. Sie bedeutet, den Menschen in den Fokus zu stellen — und damit Gott still einzuladen.

Dafür braucht es kein Vaterunser. Es darf eines geben, wenn der Mensch und seine Familie es sich gewünscht hätten — und dann bete ich es vor. Nicht als Ablauf, sondern authentisch, weil ich glaube. Aber es braucht vor allem eines: Respekt vor dem Leben und den Entscheidungen anderer Menschen.

Das ist in meinen Augen echte Nächstenliebe.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden — ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Das Handwerk
Wird bei einer freien Trauerfeier gebetet?

Wenn der Verstorbene und die Familie es sich wünschen: ja. Dann bete ich vor — authentisch, weil ich selbst glaube. Wenn der Mensch nicht geglaubt hat: nein, auch dann nicht, wenn einzelne Gäste es erwarten.

Ist eine freie Trauerfeier gegen die Kirche?

Nein. Sie stellt den Menschen in den Fokus statt einer Liturgie. Gebet und Fürbitte haben Platz, wenn sie gewünscht sind — als Option, nicht als Voraussetzung.

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